Herr Perfektionismus legt ein Sabbatical ein

Mehr oder minder freiwillig, eher minder, reichte mein Herr Perfektionismus Ende 2019 seinen Antrag auf das Sabbatical ein. Ich durfte ganz schön nachhelfen, damit er sich traute, den Antrag abzugeben.

Ausgerechnet im Jahr 2020!

Wo ich ihn doch vermeintlich am dringendsten brauchen würde! Ob ich mir das auch wirklich gut überlegt hätte, fragte er mich genau 11 Mal in den letzten Tagen vor Silvester und ob denn auch sichergestellt sei, dass ich ihm seinen Arbeitsplatz freihalten würde.

Er hat ja Recht

Das ist heutzutage alles nicht selbstverständlich. Schließlich arbeitet er schon bei mir, seit ich zum ersten Mal meine Schritte in die Grundschule gesetzt habe, was schon sehr viele Monde her ist.

Von heute auf morgen eine Auszeit von einem ganzen Jahr einzulegen ist ein gewaltiges Wagnis, er ist ja auch nicht mehr der Jüngste.

Für den Erfolg ist er verantwortlich

Außerdem ist er sich total sicher, ganz wesentlich für alle Aufgaben in meinem Leben, die ich mit Erfolg gemeistert habe, verantwortlich zu sein.

Für Aufgaben, die ich gemeistert habe, ohne ein perfektes Ergebnis abzuliefern, weist der die Verantwortung weit von sich, denn da habe ich ja nicht auf ihn gehört. Diese Aufgaben waren aus seiner Sicht höchstens mittelmäßig gelöst, ich selbst und andere fanden sie genau richtig.

Irgendwie misstraut er der Lage, weil er mich selten so fröhlich erlebt hat wie in den letzten Wochen. Sollte ich wirklich ohne ihn zurechtkommen?

Er bezweifelt das und als ich ihm den Antrag für sein Sabbatical persönlich vorbeibrachte, entdeckte ich ein ängstliches Flackern in seinen sonst so messerscharf schauenden Augen. Vermutlich befürchtet er den dauerhaften Verlust seines Arbeitsplatzes.

Warum schicke ich ihn in ein Sabbatical?

Warum habe ich denn den immer übereifrig arbeitenden, mir nie von der Seite weichenden, mich ständig in der Spur haltenden Herrn Perfektionismus in ein Sabbatical geschickt? Die kurze Antwort: Weil ich seine Chefin bin und er Erholung nötig hat!

Wenn ich mit Freundinnen oder Kolleginnen, die auch einen Herrn Perfektionismus eingestellt haben, über dieses Thema spreche, spüre ich ihre Nervosität und viele der Antworten ähneln sich:

„DAS könnte ich nicht!“

„Ich kann einfach keine unperfekte Arbeit abliefern, das verbietet sich mir einfach.“

„Was macht es denn für einen Eindruck, wenn ich mich unperfekt zeige, das geht ja gar nicht!“ „Das bin einfach nicht ich, entweder perfekt, oder gar nicht!“

„Dann kann ich ja gleich die Kündigung einreichen, damit käme mein Chef überhaupt nicht klar!“

„In meinem Job wird absolute Perfektion vorausgesetzt, sonst brauche ich gar nicht erst anzufangen.“

100% sind genug

Uff, das hört sich alles ganz schön schwer an! Das sind übrigens alles Frauen, die nicht als Chirurginnen oder Pilotin arbeiten, wo an der perfekten Ausübung ihrer Tätigkeit Menschenleben hängen.

Es sind Teamleiterinnen, Assistentinnen, Einzelunternehmerinnen oder Coaches, die im Rahmen ihrer Aufgaben durchaus einen großen Spielraum haben und wo es ihnen gerade die selbstbestimmte Art, ihre Arbeit zu erledigen, erlauben würde, auch mit etwas weniger als mit 111% zufrieden zu sein.

Kennst Du das auch?

Du hast Deine vor Dir liegende Aufgabe bereits erledigt und das Ergebnis ist wirklich gut gelungen. Jetzt geht die Tür auf und Herr Perfektionismus schneit herein, gerade als Du Deine Aufgabe abhaken und an die nächste Stelle weiterleiten willst, weil Dein Teil der Arbeit getan ist.

Ganz lässig fragt er, ob er mal einen Blick auf Deine Unterlagen werfen darf und Du sagst ja, wie übrigens fast immer. Na klar, ihm fällt gleich auf, dass Du Deine Sätze kürzer formulieren und auch mehr Absätze einfügen könntest, damit es dem Leser leichter fällt, die Inhalte zu erfassen.

Perfektionieren endet oft in Stress

Du bedankest Dich bei ihm und änderst auch gleich noch die Schriftgröße, formulierst noch einige Sätze um und schaust erschreckt auf die Uhr, als Du siehst, dass Dich dieses von Herrn Perfektionismus angestoßene (und von ihm nur gut gemeinte) Überarbeiten ganze 30 Minuten gekostet hat.

Mist! Eigentlich wolltest Du ja schon mit der nächsten Aufgabe fertig sein, aber wenigstens ist jetzt jedes I-Tüpfelchen genau dort, wo es laut DIN-Norm zu sitzen hat.

So „hilft“ Dir Dein Herr Perfektionismus in allen Lebenslagen, das beste Ergebnis zu erzielen. Und manchmal doppelt so lange für alles zu brauchen, was gerade ansteht.

Was hat er schon alles verhindert?

Das ist sogar noch die beste Variante, denn es gibt auch unheimlich viele Ideen, Projekte, Artikel, Gedichte, Fotos, Podcasts, Videos, Kurse, Zeichnungen, Webseiten und vieles mehr, die aufgrund von Herrn Perfektionismus gar nie in die Welt hinaus dürfen!

Sie werden durch die Qualitätskontrolle von Herrn Perfektionismus gnadenlos ausgemustert und schlafen jetzt entweder auf Deiner Festplatte, in einer Schublade, in einem Schrank, im Keller oder – und das ist das allerschlimmste Schicksal – sie landen im Müll.

Qualitätsanforderungen aus dem Nirgendwo

Wie oft ist es Dir schon passiert, dass Dein Herr Perfektionismus Deine Werke, welche Form sie auch immer angenommen haben, gnadenlos aussortiert hat, weil sie seinem hohen Qualitätsanspruch nicht gerecht wurden?

Hast Du Dich schon mal gefragt, wer sich diese Qualitätsanforderungen ausgedacht hat und ob sie überhaupt für Dich gelten? Denn genau das habe ich mich auch gefragt und habe mich daher entschlossen, meinen Herrn Perfektionismus erst einmal zu seinem Glück zu zwingen und ihn in sein Sabbatical zu schicken.

Weiterbildung oder Ruhestand

Als Aufgabe habe ich ihm mitgegeben, einmal zu überlegen, wo er seine Ausbildung gemacht hat, ob er bereit ist, eine Weiterbildung zum Zufriedenheitscoach zu machen oder welche andere Aufgabe er sich vorstellen könnte.

Wenn er nach einem Jahr wiederkommt und auf seinem bisherigen Job beharrt, überlege ich nämlich, ihn in den vorgezogenen Ruhestand zu schicken. Denn so, wie er zuletzt gearbeitet hat, war er wenig hilfreich und hat sich im Laufe der Zeit eher zu einem Bremsklotz entwickelt.

Die neuen Arbeitsabläufe, die nach seiner Abwesenheit unweigerlich eingetreten sein werden, sind für ihn sicher gewöhnungsbedürftig, aber ich traue ihm durchaus zu, dass er das mit der Weiterbildung zum Zufriedenheitscoach hinbekommt.

Wann macht Dein Herr Perfektionismus sein Sabbatical?

Kannst Du Dir vorstellen, Deinem Herrn oder Deiner Frau Perfektionismus auch ein Sabbatical zu genehmigen? Oder noch nicht? Warum nicht und wenn nicht jetzt, wann dann?

Ich freue mich jedenfalls berichten zu können, dass es ein ganz entspanntes Arbeiten ist, seit Herr Perfektionismus in seiner Auszeit ist.

Er klingelt zwar im Moment noch jeden Tag durch und bietet seine Hilfe als Berater aus der Ferne an, aber bisher habe ich dankend abgelehnt.

Wir werden sicher im Laufe des Jahres noch öfter von ihm hören und ich lasse Dich gerne wissen, wie es mir mit der Abwesenheit meines einst unverzichtbar geglaubten Mitarbeiters geht!

Alles Liebe

Claudia

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