Kamingespräch mit Deiner Angst Teil 1

Angst

Du hast vermutlich in den letzten Wochen schon öfter das Klopfen an Deiner Tür gehört.

Vielleicht hat sie aber auch schrill geklingelt und Dich so auf sich aufmerksam gemacht.

Bisher ist es Dir allerdings gelungen, entweder die Tür zuzulassen und sie einfach zu ignorieren oder Du hast sie weggeschickt, ohne ihr die Tür zu öffnen.

Manchmal hat sie es vielleicht sogar geschafft, sich durch einen kleinen Spalt zwischen Tür und Angel selbst reinzulassen.

Du hast sie dann sofort wieder rausgeworfen, weil Du einfach keine Kraft und Lust hattest, mit ihr zu sprechen.

Durch den Titel des Blogartikels weißt Du natürlich, wen ich meine: Deine Angst.

Die Angst vor der nächsten Zeit, die ganz im Zeichen des Coronavirus steht.

Wie fühlst Du Dich, wenn Du Deine Angst wegschickst?

Hast Du den Eindruck, dass es Dir besser geht, wenn Du sie immer wieder wegschickst und dabei ärgerlich auf Dich selbst wirst, weil Du es scheinbar nicht schaffst, sie dauerhaft loszuwerden?

Das ist eine rhetorische Frage, natürlich fühlst Du Dich dadurch eher schlechter, zumindest wenn es Dir so geht wie den meisten Menschen.

Sobald wir unsere Angst – ganz gleich wovor – wegschicken, unterdrücken, rauswerfen oder loszuwerden versuchen, merken wir, dass sie den längeren Atem hat.

Es mag ab und zu so aussehen, als würde sie aufgeben und uns in Ruhe lassen.

Allerdings sammelt sie gerade dann ihre Kräfte, kommt umso mächtiger zurück und klopft oder klingelt noch lauter an unserer Tür.

Ganz ähnlich wie die negativen Gedanken, die wir auf Dauer nicht unterdrücken können, lässt sich auch die Angst nicht kontrollieren.

Experiment Kamingespräch

Daher möchte ich Dir heute ein Experiment vorschlagen:

Lade Deine Angst ganz bewusst ein, mit Dir ein ruhiges Gespräch vor einem Kamin zu führen.

Dazu triffst Du ein paar Vorkehrungen, indem Du in Gedanken zwei wunderbar bequeme Sessel nebeneinander mit Blick in Richtung eines Kamins stellst.

Im Kamin prasselt leise ein beruhigendes Feuer, das Euch Wärme spendet und gleichzeitig ein flackerndes, sanftes Licht aussendet.

Zwischen Euch stellst Du ein filigranes Teetischchen und richtest dort die altenglischen Teetassen samt Milchkännchen und Zuckerdöschen an.

Falls Du auch ein wenig Blätterteiggebäck oder Kekse reichen willst, stellst Du sie ebenfalls dazu.

Jetzt setzt Du Dich zur Probe hin und entspannst Dich in Deinem Sessel.

Du öffnest die Tür

Sobald Du bereit bist, hörst Du das zaghafte Klopfen an der Tür.

Nachdem Du ein offenes Gespräch mit Deiner Angst führen willst, lässt Du sie dieses Mal nicht warten und öffnest ihr.

Sie kommt herein und Du führst sie zu ihrem Sessel, auf dem sie dankbar Platz nimmt. Da ist sie also!

Bisher hattest Du noch gar keine Gelegenheit, sie näher zu betrachten.

Sie sieht freundlich aus, ganz anders, als Du sie Dir vorgestellt hattest.

Ihre weißen Haare und die vielen Runzeln in ihrem Gesicht erinnern Dich an Rotkäppchens Großmutter.

Sie wirkt weise und strahlt Gelassenheit aus, ganz so als ahnte sie nicht, zu welchen Stressreaktionen sie Dich durch ihre bloße Anwesenheit bringt.

Ihre Anwesenheit fühlt sich schwer an

Du atmest schnell, Dein Herz klopft spürbar beschleunigt und Du nimmst ebenfalls Platz.

Zum Glück hast Du die Sessel so angeordnet, dass Ihr beide zum Kamin schaut und Euch nicht direkt ansehen müsst.

„Danke, dass Du mir die Tür geöffnet hast“, sagt sie leise, während Ihr gemeinsam das Feuer im Kamin betrachtet.

Du spürst einen Kloß im Hals und würdest am liebsten weinen.

Da sitzt die Angst und wirkt so harmlos, dass Du es gar nicht fassen kannst.

Trotzdem fühlst Du eine unglaubliche Schwere auf Deiner Brust, seit sie da ist.

Sie strahlt Ruhe und Gelassenheit aus

Wortlos sitzt Ihr eine Weile einfach nebeneinander und Du merkst, dass Dein Atem und auch Dein Herzschlag sich beruhigen.

Die Schwere hält Dich fest.

Gleichzeitig bemerkst Du, dass diese Gelassenheit und Ruhe, die von der Angst ausgehen, sich langsam auf Dich übertragen.

Du sitzt da und hältst ihre Anwesenheit aus, zu mehr bist Du im Moment nicht fähig.

Du beschließt, Dich auf das ruhige Atmen zu konzentrieren und auf das Feuer im Kamin, während Du Dir dessen bewusst bist, dass sie immer noch neben Dir sitzt.

Für heute geht sie

Nach einer Weile steht sie auf und geht zur Tür.

„Danke, dass ich hereinkommen durfte“, sagt sie und lächelt.

Sie öffnet die Tür und geht hinaus in die dunkle Nacht. Ohne Worte hat sie verstanden, dass Du für ein Gespräch noch Zeit brauchst.

Du fühlst Dich immer noch schwer, aber etwas hat sich verändert und Du beschließt, sie auch beim nächsten Anklopfen wieder hereinzubitten.

Vielleicht schaffst Du es morgen, ihr ein paar Fragen zu stellen, die Dir weiterhelfen.

Für heute kannst Du Dir auf die Schulter klopfen, dass Du Deiner Angst die Tür geöffnet und sie bewusst wahrgenommen hast.

Mehr braucht es gerade nicht.

Morgen schauen wir dann weiter.

Alles Liebe

Claudia

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