Persönlichkeit als Gefängniszelle

gefängniszelle

Unsere Persönlichkeit ist ein interessantes Konstrukt.

Wir selbst sind die Baumeister dieser Gefängniszelle, die für uns wie ein natürlicher Lebensraum wirkt.

Von klein an setzen wir Stein auf Stein und bauen uns so unsere Gefängniszelle, in der wir uns sogar wohlfühlen.

Zumindest meistens.

Bis uns ihre Begrenzung auffällt.

Regeln als Mauern der Gefängniszelle

Innerhalb dieser Zelle herrschen rigide Regeln, die wir uns mit steigender Lebenserfahrung selbst auferlegen.

Nicht alle dieser Regeln sind unangenehm, im Gegenteil.

Sie geben uns erst das Gefühl, „jemand“ zu sein, eine Persönlichkeit zu haben, für klar umrissene Eigenschaften zu stehen.

Daher kann eine Persönlichkeit auch zu einer schönen, angenehm zu bewohnenden Gefängniszelle werden, die uns keinen Komfort vermissen lässt.

Dadurch merken wir für lange Zeit gar nicht, dass wir dennoch gefangen sind.

Einladungen vom Leben machen uns die Begrenzung bewusst

Erst dann, wenn wir Einladungen vom Leben für neue Erfahrungen erhalten, die nicht in unser Regelwerk zu passen scheinen, merken wir auf.

Dann stoßen wir an unsere selbst auferlegten Grenzen und sehen, dass wir uns eingeschränkt haben.

Wir identifizieren uns dann mit unserer Gefängniszelle und ihren Regeln.

Dann sagen wir Dinge wie „Dafür bin ich zu schüchtern.“ oder „Das könnte ich nie.“ oder „Ich bin einfach ein Chaot.“

Die Zelle ist sicher und dennoch einschränkend

Einerseits ist das Leben in unserer komfortabel eingerichteten Gefängniszelle bequem und sicher.

Denn auch wenn sie uns vermeintlich daran hindert, gewisse Erfahrungen zu machen, fühlen wir uns auch sicherer vor Einflüssen von außen.

Andererseits stoßen wir an unsere Grenzen und lassen uns von ihr abhalten, Dinge auszuprobieren.

Je ausgereifter unsere Persönlichkeit wird, desto klarer machen sich ihre Begrenzungen bemerkbar.

Während wir noch an unserer Gefängniszelle bauen, sind wir oft „draußen im Leben“ unterwegs.

Dabei sammeln wir Baumaterial für unsere Zelle, kommen nach Hause und bauen so lange an unserer Persönlichkeit weiter, bis wir sie für vollendet erachten.

Der Bauplan

Das Ganze geschieht unbewusst und wie von Zauberhand.

Es ist fast so, als wären wir alle zu Beginn des Lebens mit einem inneren Bauplan für unsere eigene Gefängniszelle ausgestattet worden.

Wie unter Hypnose machen wir uns guten Mutes ans Werk und arbeiten unermüdlich an unserer Persönlichkeit.

Zum Glück sieht der Bauplan auch eine Tür vor, die nicht abgeschlossen werden kann.

Die Tür steht immer offen

Wir leben freiwillig innerhalb der Gefängniszelle und haben daher jederzeit die Möglichkeit, ins Freie zu gehen.

Allerdings ist es sehr interessant, dass wir dazu neigen, nicht mehr nach draußen zu gehen, je länger wir uns in ihr aufhalten.

Wir richten es uns so gemütlich und luxuriös wie möglich ein und sehen gar nicht die Notwendigkeit, unsere Gefängniszelle zu verlassen.

Darunter leiden dann unsere Offenheit, Neugierde und Abenteuerlust.

Und auch unsere Lebensfreude kommt uns immer seltener besuchen, denn sie fühlt sich in einer Zelle gar nicht wohl.

Unter manchen Umständen vergessen wir sogar, dass es die offene Tür gibt.

Die Freiheit, die Gefängniszelle einzureißen

Es steht uns jederzeit frei, aus der Begrenzung ins Freie zu gehen und neue Erfahrungen zu machen.

Auch wenn diese Erfahrungen bisher nicht zu unserer Persönlichkeit zu passen scheinen.

Wir könnten sogar noch einen Schritt weitergehen und unsere Gefängniszelle komplett einreißen, um etwas Neues aufzubauen.

Dann entscheiden wir uns, erst einmal ohne Mauern und in Freiheit zu leben.

Eine neue Persönlichkeit wachsen lassen

Nach und nach können wir dann eine Persönlichkeit bauen, die organisch wächst.

Die sich ständig erweitert, verändert und erneuert.

Die im Einklang mit dem Leben steht und uns dabei hilft, über uns hinauszuwachsen.

Damit begreifen wir unsere Persönlichkeit als unterstützendes Wesen, das uns begleitet.

Mit der Aufgabe, uns Orientierung zu geben, allerdings ohne unsere Freiheit und Selbstbestimmung einzuschränken.

Dann formulieren wir die bereits genannten Sätze eher als „Das möchte ich einmal ausprobieren.“ oder „Vielleicht könnte ich das auch.“ oder „Ich entwickle mich zu einem Menschen, dem Ordnung zu halten leicht fällt.“

Bleiben oder neu bauen?

Die Gefängniszelle zu verlassen oder gar einzureißen ist ein Schritt, der für die meinsten Menschen wohl nur Stück für Stück umzusetzen ist.

Das bedeutet aber auch, dass wir uns langsam an die Freiheit außerhalb unserer bisherigen Gefängniszelle herantasten können.

Außerdem können wir auch manche Erfahrung als Baumaterial für die neue Version unserer Orientierung verwenden.

All das, was uns unsere Möglichkeiten spüren lässt, was unsere Kreativität und unsere Freude beflügelt, nehmen wir mit und bauen es in unsere Zukunft mit ein.

Und in unserer Erinnerung heben wir die Bilder unserer bisherigen Persönlichkeit auf, die wir gerne aufbewahren wollen.

Diese Umbaumaßnahmen sind nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen.

Und genau wie die ursprünglichen Bauarbeiten ist auch der Umbau komplett freiwillig.

Es macht jedoch viel Freude, sich der Gefängniszelle bewusst zu werden und sie nach und nach zu ersetzen.

Für einen eventuellen Umbau in der Zukunft wünsche ich Dir jetzt schon viel Erfolg.

Alles Liebe

Claudia

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